Femizide: Wir müssen anders und mehr über Frauenmorde sprechen
Femizide sind kein woker Hype: Regelmäßig töten Männer Frauen aufgrund ihres Geschlechts. Wie viele Femizide gibt es in Deutschland? Wie gehen wir als Gesellschaft damit um? Was muss sich ändern?
- Definition: Was ist ein Femizid?
- Femizide: Die Macht des Mannes
- Feminizide: Der Wert einer Frau
- Femizide in Deutschland: Vor Gericht
- Femizide in den Medien: Verharmlosung, Verharmlosung, Verharmlosung
- Femizide benennen: Täter-Opfer-Umkehr erkennen
- Frauentötungen: Der Hass ist strukturell
- Sprache schafft Realität
- Femizide in Deutschland: Zahlen, blinde Flecken und neue Wege
- Femizide stoppen – aber wie?
Töten Männer Frauen, weil sie Frauen sind, sprechen wir von einem Femizid oder Feminizid. Um den zahlreichen Opfern in Deutschland gerecht zu werden, müssen wir kritischer und zeitgleich sensibler mit dem Thema umgehen.
Was es dazu braucht, warum das Patriarchat ein zentrales Problem ist und was eine Expertin im Wunderweib-Interview rät, erfährst du hier.
Definition: Was ist ein Femizid?
Meine Schreibprogramme am PC – ich arbeite mit zweien im Wechsel – kannten das Wort Femizid nicht, bis ich es ihrem Wörterbuch hinzugefügt habe. Und ich? Zu Beginn meiner Recherche nur zu einem Bruchteil, um ehrlich zu sein. Ich wusste, Femizide sind Morde an Frauen. Ich wusste nicht, wie komplex das Thema ist.
Zunächst gibt es keine international einheitliche Definition des Begriffs Femizid. Der kleinste gemeinsame Nenner: Femizide sind Tötungen von Frauen aufgrund ihres Geschlechts. Der Begriff kam 1976 das erste Mal auf, geprägt von der feministischen Aktivistin und Soziologin Diana E. H. Russell (1938-2020). Sie fasste die Quintessenz eines Femizids zusammen:
Der Fokus liegt auf der Aussage "weil sie Frauen sind": Femizide bzw. Feminizide sind Frauentötungen.
Femizide: Die Macht des Mannes
Femizide allein als Frauentötungen zu definieren, reicht allerdings nicht. Wird eine Frau beispielsweise von einem Kriminellen auf der Flucht getötet, weil sie dessen Entkommen gefährdet, würde dies zwar als Mord an einer Frau, aber nicht als Femizid gelten. Bei Femiziden geht es darum, dass eine Frau bzw. eine weiblich gelesene Person aufgrund ihres Geschlechts zum Opfer wird. Zentral bei diesen Gewalttaten sind die im Patriarchat künstlich aufgebauten hierarchischen Geschlechterverhältnisse.
Katharina Masoud, Fachreferentin für Geschlechtergerechtigkeit, Intersektionalität und Antirassismus bei Amnesty International, sieht Feminizide als besonders "krassen Ausdruck geschlechterspezifischer Gewalt", der nicht losgelöst von "antifeministischen Ideologien" betrachtet werden könne. Verdeutlichend erklärte sie in einem Beitrag von Amnesty International:
"Jedem Femizid liegt die Vorstellung von männlicher Macht und Kontrolle über weibliche Körper zugrunde – bis hin zum Recht, Gewalt über diese Körper auszuüben."
Feminizide: Der Wert einer Frau
Im Interview mit Wunderweib.de ergänzt Aktivistin Lilly von "Femizide stoppen!" eine weitere Dimension von Frauentötungen: die soziale Rolle von Frauen* innerhalb unserer Gesellschaft. Patriarchal geprägtes Denken degradiert Frauen und weiblich gelesene Personen auch heute noch dazu, dem Mann unterstellt zu sein.
In der Folge könne der Mann vollumfassend über die Frau bestimmen. "Das schließt Tötungen der (Ex-)Partnerin oder der eigenen (Groß-/Schwieger-)Mutter aufgrund von patriarchalem Besitzdenken genauso ein wie die Tötung von Frauen in der Prostitution, die in ihrem Beruf weitaus mehr Gewalt erleben als in Berufen, die geschlechtsunabhängig sind", verdeutlich Lilly im Gespräch mit uns.
Femizide stoppen: Gewalt online sichtbar machen
Lilly gründete die Initiative "Femizide stoppen!" 2021, nachdem ihre Freundin Derya und deren Sohn Kian von Kians Vater ermordet worden waren. Auf Instagram dokumentieren sie und ein engagiertes Team neue Femizide in Deutschland und erinnern an die Opfer dieser Gewalttaten. Ziel der solidarischen, überregionalen und feministischen Berichterstattung ist es, tödliche geschlechtsspezifische Gewalt gegen Frauen* sichtbar zu machen.
2025 wurde "Femizide stoppen!" mit dem Grimme Online Award ausgezeichnet. Die Jury betonte in ihrer Entscheidung unter anderem: "Der Hass, die Gewalt, der Missbrauch und die Tötung von Frauen ist ein strukturelles Problem, das sich oft genug auch hinter einer bürgerlichen Fassade verbirgt. Man kann den Verdienst von Lilly und ihrem Team nicht hoch genug schätzen."
Femizide in Deutschland: Vor Gericht
Was die Initiative "Femizide stoppen!" so wichtig macht, ist die Tatsache, dass die aufgelisteten Tötungen dort klar als Femizide bezeichnet werden. Denn der Umgang mit diesen Morden in Deutschland ist problematisch.
Angefangen bei der juristischen Einordnung. Während in mehreren lateinamerikanischen Ländern, beispielsweise Mexiko, Feminizide (Feminicidio) als eigenständiger Strafbestand gelten, gibt es im deutschen Strafgesetzbuch (StGB) keine Definition dazu. Stattdessen werden Frauentötungen in anderen Kategorien verhandelt, darunter Mord (§ 211 StGB), Totschlag (§ 212 StGB) oder Körperverletzung mit Todesfolge (§ 227 StGB). Dadurch wird allerdings die Dimension der geschlechterspezifischen Gewalt verwässert.
Befürworter der deutschen Herangehensweise betonen, dass Femizide durch die bestehenden Mordmerkmale "niedrige Beweggründe" oder "Heimtücke" ausreichend abgedeckt seien. Zudem wird darüber gestritten, wie ein Mord aufgrund des Geschlechts rechtlich zu definieren ist: Wie lässt sich feststellen, dass eine Frau getötet wurde, weil sie eine Frau war?
Tatsache ist allerdings, dass die fehlende juristische Einordnung in Kombination mit patriarchalem Denken vor Gericht sogar dazu führen kann, dass Täter eine mildernde Strafe erhalten. So geschehen 2008 vor dem Bundesgerichtshof in Karlsruhe. Dort urteilten die Richter:
"Wenn die Trennung vom Tatopfer ausgeht und der Angeklagte durch die Tat sich dessen beraubt fühlt, was er eigentlich nicht verlieren will, entfallen die Mordmerkmale."
In der zdfinfo-Doku "Femizid - Wenn Männer Frauen töten" wird dieser Beschluss thematisiert:
Femizide in den Medien: Verharmlosung, Verharmlosung, Verharmlosung
Wo juristisch schon keine Klarheit geschaffen wird, tut sich auch die deutsche Gesellschaft schwer damit, Femizide als solche zu benennen. In den Medien findet viel zu häufig eine krasse Verharmlosung statt. Journalisten und Journalistinnen verwenden in ihren Berichten selten die Begriffe Femizid oder Feminizid. Stattdessen schreiben sie über Familientragödien, Eifersuchtsdramen, Liebesdramen oder Mord aus Eifersucht/Leidenschaft.
Wie die Strafbestände Mord, Totschlag und Körperverletzung mit Todesfolge verschleiern diese Begriffe allerdings die komplexe Dimension eines Femizids, nämlich die strukturelle Gewalt, die auf ungleiche Machtverhältnisse zwischen den Geschlechtern und patriarchale Strukturen zurückzuführen ist.
Hilfe für von Gewalt betroffene Frauen*
Das Hilfetelefon "Gewalt gegen Frauen" (116 016)
Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend: "Anlaufstellen für Betroffene von Gewalt"
Femizide benennen: Täter-Opfer-Umkehr erkennen
Ob vor Gericht oder in der Presse: Die Art, wie über Femizide gesprochen wird, spiegelt wider, wie tief Deutschland in patriarchalen Strukturen verwurzelt ist. Die Wortwahl in diesen Fällen impliziert nicht selten eine Täter-Opfer-Umkehr. Es geht darum, der Frau* zumindest eine Mitschuld zukommen zu lassen und den Täter zu entschuldigen bzw. zu schützen.
Zu den problematischen Formulierungen gehören Aussagen wie:
Er liebte sie zu sehr.
Er hat die Trennung nicht verkraftet.
Er fühlte sich ausgeschlossen.
Sie hätte früher gehen müssen.
Sie war nicht mutig genug, ihn anzuzeigen.
Sie konnte ihre Kinder nicht schützen.
Ein aktuelles Beispiel aus dem April 2025 nennt uns Lilly im Interview. Das Landesgericht in Würzburg verhandelte den Femizid an einer zweifachen Mutter und sprach den angeklagten Lebensgefährten (45) schuldig. Dieser hatte die gleichaltrige Frau in ihrer Wohnung mit 60 Messerstichen getötet. In der Urteilsverkündung sagten die Richter über das Femizidopfer: "Sie musste sterben, weil sie eine moderne Frau war. Selbstbewusst und selbstbestimmt hat sie sich nicht seinem patriarchalen Denken gebeugt."
Hinter diesen Formulierungen steckt eine deutliche Täter-Opfer-Umkehr, da es so klingt, als habe die ermordete Frau die Gewalt durch ihren Lebensstil provoziert. "Dabei MUSS keine einzige Frau brutal getötet werden", untermauert Lilly und verdeutlicht: "Es sind Männer, die aktiv beschließen Frauenleben gewaltvoll zu beenden, kein Lebensstil einer Frau rechtfertigt einen solchen Tod."
Frauentötungen: Der Hass ist strukturell
In ihrem 2023 erschienen Buch "Gegen Frauenhass" zitiert Christina Clemm, Fachanwältin für Straf- und Familienrecht, Rechtfertigungen für Frauenmorde, die von Richter*innen und Staatsanwält*innen vorgetragen wurden. "Die Tat geschah aus Liebe" ist eine davon. "Nach ihrem Karriereschritt war es nicht leicht für ihn" eine weitere. Solche Formulierungen lässt die Strafverteidigerin nicht gelten. In ihrem Buch schreibt sie:
"Wenn ich Frauenhass sage, dann meine ich nicht eine Emotion, die einen plötzlich und unerwartet überkommt, sondern eine emotionale Gewohnheit oder Geisteshaltung, die auf frauenfeindlichen Ressentiments gründet. Diese Ressentiments sind systemisch und systematisch, der Hass ist strukturell, zielgerichtet und dem patriarchalen System nicht nur innewohnend, sondern für diese stabilisierend. Man kann auch von patriarchalem Hass sprechen." (Christina Clemm: Gegen Frauenhass. Hanser Berlin 2023, S. 13.)
Sprache schafft Realität
Wir haben Lilly von "Femizide stoppen!" gefragt, welche Formulierungen Femiziden gerecht werden. Wie müssen wir uns ausdrücken, damit weder eine Verharmlosung noch eine subtile Täter-Opfer-Umkehr passiert? Hier ihre Vorschläge:
Statt "Sie musste sterben": "Der Täter hat entschieden sie zu töten/zu ermorden."
Statt "Er hat die Trennung nicht verkraftet" oder "Er konnte nicht ohne sie leben": "Aufgrund seines patriarchalen Besitzdenkens tötete er sie."
Statt "Liebesdrama/ Familiendrama" die Tat klar als (mutmaßlichen) Femizid bezeichnen.
Femizide in Deutschland: Zahlen, blinde Flecken und neue Wege
In einer Pressekonferenz 2024 sagte die damalige Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD): "Fast jeden Tag wird in Deutschland eine Frau oder ein Mädchen getötet. Das ist fast jeden Tag ein Femizid." Ihre Aussage basierte auf einer Auswertung des Bundeskriminalamts, das 2023 bei 938 Tötungsversuchen insgesamt 360 vollendete Frauentötungen von Partner oder Ex-Partnern registriert hatte.
Tatsächlich aber ist diese Aussage nicht korrekt, da im zitierten Bundeslagebild zu "Geschlechtsspezifisch gegen Frauen gerichteten Straftaten" 2023 zwar die Fälle gezählt, aber nicht die Tatmotive in Betracht gezogen wurden. Die Behörde hatte in ihrem Bericht explizit darauf hingewiesen, nicht nachweisen zu können, wie viele Frauen tatsächlich Opfer eines Femizids geworden waren.
Auch Lilly und ihr Team von "Femizide stoppen!" haben diese Fehlinterpretation online aufgearbeitet und mit Zahlen verglichen, die genauer interpretierbar sind. Im Lagebild "Häusliche Gewalt" 2023 wurde erfasst, dass von den erwähnten 360 getöteten Frauen und Mädchen 155 Opfer von tödlicher Partnerschaftsgewalt wurden. In den meisten Fällen handelt es hierbei um Femizide. Das heißt, dass in Deutschland rund jeden zweiten Tag eine Frau* Opfer eines Femizids wird:
Das wachsende Interesse und die sich bildende Sensibilisierung innerhalb unserer Gesellschaft kommt bei den Behörden an. Im Bundeslagebild zu "Geschlechtsspezifisch gegen Frauen gerichteten Straftaten" 2024 geht das BKA ab Seite 41 explizit auf das Thema Femizide ein.
"Vor dem Hintergrund des Fehlens einer klaren Definition hat sich die AG Kripo in ihrer Herbstsitzung 2025 dafür ausgesprochen, eine bundeseinheitliche polizeiliche Definition zu Femiziden zu erarbeiten", ist online zu lesen.
Im April 2026 liegt diese polizeiliche Definition noch nicht offiziell vor.
Femizide stoppen – aber wie?
In der Sekunde, in der wir begreifen, dass Morde an Frauen* aufgrund ihres Geschlechts keine tragischen Einzelfälle sind, sondern tief verwurzelt in patriarchalen Gewaltstrukturen, wird klar, dass deren Bekämpfung nicht eindimensional stattfinden kann.
Lilly von "Femizide stoppen!" macht auf die verschiedenen Hebel aufmerksam, die im Kampf gegen Feminizide wirken können. Angefangen bei der Arbeit, die das BKA jetzt so langsam aufnimmt: eine Datenlage zu Femiziden in Deutschland zu erstellen. Über konkrete Zahlen könne Verständnis geschaffen werden: "Geschlechtsspezifische Gewalt muss umfänglich erfasst und ausgewertet werden", betont die Aktivistin. Dazu gehöre auch die alltägliche Abwertung von Frauen in Film und Fernsehen, Werbung und Comedy und so weiter.
Zudem brauche es mehr Schutz für von Gewalt betroffene Menschen. "Frauenhausplätze auszubauen wäre sinnvoll", so Lilly. Das habe Deutschland mit dem Unterzeichnen der Istanbul-Konvention, die zur Bekämpfung von geschlechtsspezifischer Gewalt verpflichtet und 2018 in Kraft trat, schließlich zugesichert.
Der aktuelle Abbau des Sozialstaats wirkt hier genauso kontraproduktiv wie "unser Kanzler, der das Thema Gewalt gegen Frauen lieber für seinen Rassismus missbraucht, statt ernsthaft Frauen schützen zu wollen", wie Lilly sichtlich enttäuscht hinzufügt. Sie bezieht sich hier auf die Rede, die Friedrich Merz (CDU) Ende März im Bundestag gehalten hat, bei der er von "explodierender Gewalt" in Deutschland sprach und dann behauptete, ein beachtlicher Teil dieser Gewalt käme aus der "Gruppe der Zuwanderer" – eine schlichtweg falsche Aussage und ein durchschaubarer Versuch, die Debatte um Gewalt an Frauen für seine konservative Politik zu instrumentalisieren.
Statt polemischer Aussagen wünscht sich Lilly einen "gesamtgesellschaftlichen Wandel", der dazu führt, dass jeder Mensch Männer und Frauen als gleichgestellt ansieht. "Dazu gehört viel Aufklärung bereits ab dem Kindergartenalter, der Abbau der Geschlechterstereotype, die Gleichstellung im Job und vieles mehr", zählt Lilly auf. Erst, wenn es keine Unterschiede mehr zwischen den Geschlechtern gibt, wird geschlechterspezifische Gewalt nach und nach verschwinden – und damit auch Femizide.

Quellen
Alle zehn Minuten ein Femizid, https://www.amnesty.de/informieren/amnesty-journal/antifeminismus-rechtsextremismus-femizide, aufgerufen am 07.04.2026
„Sie musste sterben, weil sie eine moderne Frau war“: Würzburger Gericht fällt Urteil nach Femizid, https://www.mainpost.de/wuerzburg/wuerzburg-urteil-im-prozess-um-mord-in-der-wohnung-lebensgefaehrte-muss-lebenslang-in-haft-113338590, aufgerufen am 13.04.2026
Christina Clemm: Gegen Frauenhass. Hanser Berlin 2023
Geschlechtsspezifisch gegen Frauen gerichtete Straftaten 2023 und 2024, https://www.bka.de/DE/AktuelleInformationen/StatistikenLagebilder/Lagebilder/StraftatengegenFrauen/StraftatengegenFrauen_node.html, aufgerufen am 09.04.2025
Artikelbild & Social Media: BrianAJackson/iStock







