Interview

Frank Zander: „Mehr als Vorbild sein kann man im Leben nicht erreichen.“

Frank Zander veranstaltet zum 31. Mal eine Weihnachtsfeier für Obdachlose und Bedürftige in Berlin. Im Interview spricht er über Menschlichkeit, Dankbarkeit und seine Familie.

Frank Zander Weihnachtsfeier
Berliner Urgestein Frank Zander steht für klare Haltung und ein großes Herz Foto: IMAGO / Stefan Zeitz
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Seit über drei Jahrzehnten öffnet Frank Zander kurz vor Weihnachten die Türen des Estrel Hotels für diejenigen, die sonst übersehen werden. Rund 2.500 obdachlose und bedürftige Menschen lädt er gemeinsam mit seiner Familie jedes Jahr zu einem festlichen Essen ein. Im Gespräch erzählt der Musiker, warum diese Begegnungen ihn berühren, wie sehr ihn seine Familie trägt und weshalb Abgeben für ihn etwas ganz Selbstverständliches ist.

Am 22. Dezember veranstaltest du mit deiner Familie zum 31. Mal eine Weihnachtsfeier für Obdachlose und Bedürftige im Estrel Hotel in Berlin. Hattest du jemals Berührungsängste mit den Gästen?

Nein. Ich begrüße jeden einzelnen. Manche heulen sich bei mir aus. Letztes Mal kam ein riesiger Kerl, brach plötzlich zusammen und sagte: „Mein bester Kumpel ist gerade gestorben.“ Ich bin wie ein Psychotherapeut. Für mich ist die Zeit an der Tür extrem anstrengend, aber wichtig. Ich sehe abgewrackte Gestalten, völlig fertig. Diese Menschen werden sonst nirgends eingeladen. Oft werden sie nicht mal beachtet oder weggetreten. Bei uns sind sie willkommen und in dem Moment, in dem ich sage: „Herzlich willkommen, schöne Weihnachten“, richten sie sich auf. Wenn die Leute drin sind, habe ich das Schwerste hinter mir.   

Wie lange dauert das 2.500 Menschen die Hand zu schütteln?

Nicht alle wollen mir die Hand schütteln, viele wollen einfach nur rein. Nach ungefähr einer Stunde sind wir fertig. Mit fast 84 merke ich, dass mein Körper sich dann auch mal meldet und ich ein Getränk brauche.  

Gibt es eine Begegnung, die dir besonders in Erinnerung geblieben ist?

Ich erinnere mich an zwei Geschichten, die uns alle sehr berührt haben. Vor 15 Jahren hatten wir eine schwangere Frau, die während der Feier abgeholt wurde, um ihr Kind zu bekommen. Fünf Jahre später kam sie mit ihrer Tochter und sagte: „Guck mal, du bist quasi hier geboren.“ Tragisch, aber auch schön, weil es ihr inzwischen besser ging. 

Ein anderes Mal hat mir eine ältere Dame 30.000 Euro in einer Plastiktüte gegeben, damit ich auf das Geld aufpasse. Sie wollte es partout nicht der Bank geben. Natürlich mussten wir es trotzdem über die Bank regeln, aber es zeigt, wie viel Vertrauen sie zu mir und meiner Familie hatte.

Erinnerst du dich noch daran, wie die erste Weihnachtsfeier war?

Die war noch in Diedersdorf. Als die ersten Gäste kamen, stand ich am Eingang und dachte: „Ui ui, da haben wir ja was losgetreten.“ Alle haben sich besonders bedankt. Eine Frau mittleren Alters fing an zu weinen. Das war schon merkwürdig. Ich war froh, dass ich das auf der Bühne ein bisschen wegsingen konnte.

Wieso?

Weil niemand wusste, wie die Menschen sich benehmen würden. Das war komplett neu, sowas hatte vorher keiner gemacht. Seitdem wollte ich es nicht aufgeben. Zum Glück macht meine Familie da voll mit.

Dich unterstützt vor allem dein Sohn Marcus und seit letztem Jahr auch dein Enkel Elias. Läuft bei euch alles reibungslos oder gibt es auch mal Stress?

Es läuft nicht immer reibungslos. Am Anfang sagte meine Frau Evy oft: „Das nervt, die ganze Weihnachtszeit ist kaputt“, weil wir die Feier Monate vorher vorbereiten mussten. Manchmal kam auch der Spruch: „Was bringt das eigentlich?“ Aber wir mussten es durchziehen, weil wir im Kopf hatten, wie dankbar die Menschen waren.

Du hast mal gesagt, Menschen sind von Natur aus Egoisten, aber dein Rezept dagegen ist, dass du als Vorbild vorangehen willst.

Genau. Mehr als Vorbild sein kann man im Leben nicht erreichen. Ich trinke mal, ich mag auch junge, hübsche Mädels – was meine Frau nicht toll findet. Trotzdem möchte ich zum Verständnis beitragen. Egoismus führt zu Konflikten, Kriegen. Und es gibt riesige Egoisten, die alles lenken. Warum? Die haben doch alles. Ich war schon immer auf der Seite der Schwächeren.

Neben der Weihnachtsfeier hast du eine weitere Tradition: den Fischologie-Kalender mit bunten Zandern. 2026 steht er unter dem Motto „Meine verrückten Frauengeschichten“ Wie kamst du auf die Idee, Fische zu malen?

Ich wurde mal zu einer Ausstellung eingeladen. Die haben gefragt, ob ich was Besonderes dazu beitragen kann. Da gab es nur meine Ölgemälde und auf einmal dachte ich: warum nicht Fische? Das liegt bei meinem Nachnamen ja auch auf der Hand.

Was ist dein Lieblingsfisch aus dem Kalender 2026?

Eileen im August ist schon hübsch.

Tust du das alles aus einer Dankbarkeit heraus?

Schwer zu erklären. Ich sehe, dass alles, was ich gebe, zurückkommt. Ich bin kein Heiliger – war ich nie. Aber Abgeben und für andere da sein zieht sich durch mein ganzes Leben.