Patchwork-Familie an den Feiertagen: 5 Tipps für harmonische Weihnachten
Wie die Weihnachtstage als Patchwork-Familie möglichst entspannt verlaufen können, erklären wir in diesem Artikel.

- 1. Frühzeitige Planung: Wo und mit wem feiern wir als Patchwork-Familie?
- 2. Rituale überprüfen: Passen die Traditionen noch zu uns?
- 3. Erwartungen runterschrauben und das perfekte Weihnachtsbild loslassen
- 4. Einen Plan B haben und über Bedürfnisse sprechen
- 5. Lästern oder ausfragen? Nicht vor den Kindern!
Meine Eltern haben sich getrennt, als 19 Jahre alt war. Jahrelang tingelte ich an Heiligabend immer zwischen meiner Mutter (1. Besuch) und meinem Vater (2. Besuch) hin und her (die wohnten praktischerweise in derselben Stadt). Mein Vater war nach zwei Jahren wieder vergeben, ich akzeptierte das. Aber wie wohl die meisten Kinder wünschte ich mir vor allem eins: Gemeinsam mit meinen Eltern Weihnachten feiern. Daraus wurde zwar nichts, aber ich muss rückblickend sagen, dass es gut war, dass meine getrennten Eltern nicht mit mir gemeinsam Weihnachten gefeiert haben. Warum? Ganz einfach: Sie haben sich nicht besonders gut verstanden – was vor allem an mangelnder Kommunikation lag.
Zu keiner Jahreszeit sind die Erwartungen so hoch und die Anspannung so groß, wie an diesen drei Tagen im Dezember. Da ist Stress vorprogrammiert. Vor allem, wenn die Eltern getrennt sind und es neue Partner gibt, kann es noch komplizierter zugehen im Familiensystem.
Die Familientherapeutin Claudia Hillmer aus Hamburg und der Psychotherapeut Wolfgang Krüger aus Berlin haben fünf Tipps, wie stressfreie Feiertage in einer Patchwork-Familie mit Kindern, getrennten Eltern und neuen Partner*innen gelingen können.
1. Frühzeitige Planung: Wo und mit wem feiern wir als Patchwork-Familie?
Vor allem, wenn das erste Weihnachtsfest als Patchwork-Familie vor der Tür steht, kann das für alle herausfordernd sein. „Eine Patchwork-Familie entsteht ja aufgrund einer neuen Liebe – und das birgt oft viele Schwierigkeiten und Konflikte“, erklärt Wolfgang Krüger. Ein Grund: „Kinder wünschen sich in der Regel immer, dass beide Elternteile an Weihnachten da sind“, so der Psychotherapeut.
Verstehen sich die Eltern gut und die Kinder kommen mit der neuen Freundin oder dem neuen Freund der Mutter oder des Vaters aus, spricht nichts dagegen, das Fest zusammen zu feiern. „Ich rate dennoch zu einer frühzeitigen Planung, denn die gibt allen Sicherheit und kann aufgeladene Stimmungen ersparen“, sagt Wolfgang Krüger. Ältere Kinder oder Jugendliche sollten in die Entscheidung mit einbezogen werden, ob es für sie in Ordnung ist, wenn der neue Partner oder die neue Partnerin mitfeiert.
Doch was, wenn die Kinder den neuen Stiefvater (noch) nicht akzeptieren können oder der Ex-Mann sich mit der neuen Partnerin der Ex-Frau nicht versteht. „Sind die Familienverhältnisse noch zu konfrontativ, sollte das Fest anders gestaltet werden“, rät Wolfang Krüger. „Niemand möchte schließlich ein Fest feiern, bei dem alle auf Zwang fröhlich sind.“
Krüger hat zwei Empfehlungen:
Separate Weihnachtsfeste: Leben die Kinder etwa bei der Mutter, könnte der Ex-Partner oder die Ex-Partnerin an Heiligabend dazukommen – allerdings ohne den neuen Partner oder die neue Partnerin mitzubringen. „Die neue Liebe kann dann im nächsten Jahr dazukommen, doch im ersten Trennungsjahr kann das für viele Kinder zu früh sein“, so Krüger. Wenn das Verhältnis der getrennten Eltern problematisch ist, kann das Kind zunächst bei einem Elternteil Weihnachten feiern und an einem anderen Tag bei dem anderen Elternteil.
Nachbarn oder Freunde einladen: Um die Situation aufzulockern, können Verwandte, Freunde oder Nachbarn zum Festessen dazukommen. „Dann ist der Abend weniger bedeutungsschwanger und aufgeladen, da der Besuch als Puffer fungiert“, sagt Krüger.
2. Rituale überprüfen: Passen die Traditionen noch zu uns?
Die einen essen Weihnachtsgans, die anderen Kartoffelsalat. Bei den einen bleiben die Geschenke unterm Tannenbaum bis nach dem Essen liegen, die anderen packen sie vorher aus. Rituale und Bräuche gehören an Weihnachten dazu.
„An Weihnachten prallen verschiedene Familienbräuche aufeinander – alle Beteiligten, außer die ganz Kleinen, haben Erfahrungen, Überzeugungen, Werte und Vorstellungen aus ihrem Leben im Gepäck“, sagt Claudia Hillmer. „Familientraditionen dürfen sich aber auch verändern“, so die Therapeutin.
Kinder werden älter, Bedürfnisse ändern sich, manche Rituale passen vielleicht nicht mehr. „Traut euch, Traditionen anzupassen, statt starr daran festzuhalten“, sagt Hillmer.
Die Familientherapeutin rät Patchwork-Familien dazu, ins Gespräch zu gehen und sich folgende Fragen zu stellen:
Wie ist es für mich in unserer Familie? Wie ist es für dich? Welche Rolle spiele ich? Was brauche ich, um mich zugehörig zu fühlen?
Was hat sich in unserer Familie verändert? Welche Rituale tragen uns noch – und welche belasten eher?
Ein offener Kommunikations-Prozess ist laut Claudia Hillmer der Schlüssel, umLoyalitätskonflikte zu verhindern und herauszufinden, was die Bedürfnisse eines jeden einzelnen in der Patchwork-Familie sind.
Geht ein getrenntes Paar mit Kindern eine neue Partnerschaft ein, spricht man von einer Patchwork-Familie (modern auch „Bonusfamilie“, veraltet auch „Stieffamilie“ genannt). Das englische Wort „patchwork" steht für „Flickenwerk", weshalb der Begriff Patchwork-Familie oft mit einem Flickenteppich übersetzt wird. Der besteht aus vielen Stoffteilen und ergibt am Ende ein buntes Bild - eben genau, wie eine Patchwork-Familie aus verschiedenen Menschen besteht.
In Deutschland wächst etwa jedes siebte Kind mit Halb- oder Stiefgeschwistern auf. Damit stellen Patchwork-Familien nach der klassischen Familie (also nicht-getrennte Eltern) und Alleinerziehenden die dritthäufigste Familienform in Deutschland da.
3. Erwartungen runterschrauben und das perfekte Weihnachtsbild loslassen
Das Leben als Patchwork-Familie braucht Zeit. „Viele von uns wollen an Altem und Gewohntem erst einmal festhalten und können sich nur langsam auf Neues einstellen“, sagt Claudia Hillmer. „Altes und Neues muss behutsam verbunden werden – eben Patchwork.“ Hillmer zufolge dauert es laut Experten etwa sieben Jahre, bis aus einem Flickwerk ein familiäres Kunstwerk werden könne. Patchwork ist eben auch ein Stück Arbeit, wie der Begriff schon aussagt.
Jeder innerhalb der Patchwork-Familie bringt ein Stück Vergangenheit mit. „Habt Geduld mit euch und den anderen und setzt euch nicht unter Druck, dass jedes gemeinsame Weihnachten perfekt sein muss,“ sagt Claudia Hillmer. „Denn wenn wir mit aller Macht versuchen, dieses Bild zu realisieren, setzen wir uns und alle anderen unter Druck.“ Die Folge: Wir sind gestresst an den Feiertagen und können die Zeit als Familie nicht genießen.
Die Herausforderung bestehe laut Hillmer darin, das perfekte Weihnachtsbild loszulassen und stattdessen wahrzunehmen, was möglich sei. „Dazu gehört auch, die eigenen Ansprüche und Erwartungen herunterzuschrauben.“
Wolfgang Krüger nennt das Beispiel Geschenke: „Die Kinder werden mit einer Veränderung konfrontiert, die sie nicht wollten: getrennte Eltern. Weihnachten sollen sie dann z.B. mit dem neuen Partner der Mutter feiern und ihm Geschenke überreichen, obwohl sie das eigentlich nicht möchten.“ Eltern und die neuen Partner*innen sollten das respektieren.
4. Einen Plan B haben und über Bedürfnisse sprechen
Patchwork ist eine logistische Herausforderung. Wer ist wann, bei wem und muss was dabei haben? Kommt dann Unvorhergesehenes dazu, fordert das höchste Beziehungskompetenz der Patchwork-Familie.
Claudia Hillmer nennt ein Beispiel: „Wir freuen uns auf den ruhigen Weihnachtsabend mit unserem Partner und dann kommen dessen Kinder doch früher oder länger als geplant, weil die Ex-Frau krank ist.“
Wir wissen natürlich: Der kranke Elternteil braucht Entlastung, Flexibilität gehört zum Patchwork-Leben dazu. „Trotzdem sind wir nun enttäuscht, dass es nicht zum Paarabend kommt, das ist verständlich“, so Claudia Hillmer.
Um dann nicht in Stress zu geraten, ist es sinnvoll, einen Plan B besprochen zu haben und darum zu wissen, was für jeden wichtig ist und was veränderbar ist. „Das setzt allerdings voraus, dass jeder seine Bedürfnisse vorab benennt, damit entsprechend gehandelt werden und im Zweifel ein Kompromiss gefunden werden kann“, erklärt Claudia Hillmer.
Konkret kann das in diesem Fall beispielsweise bedeuten: Die Kinder holen den Feiertag bei der Mutter nach, sobald diese wieder gesund ist. „Und auch der Paarabend kann und sollte zu einem anderen Zeitpunkt nachgeholt werden. Denn geht es den Bonuseltern und ihrer Partnerschaft gut, kann auch der Zusammenhalt der ganzen Patchwork-Schar wachsen“, sagt Claudia Hillmer.
5. Lästern oder ausfragen? Nicht vor den Kindern!
Angenommen, die Kinder haben Heiligabend bei der Ex-Frau und ihrer Herkunftsfamilie verbracht und am 1. Weihnachtstag geht es zum Papa und seiner Familie. Da neigen einige Eltern dazu, das Kind auszufragen: „Wie wars beim Papa? Wie wars bei Mama? War Papas neue Freundin auch dabei und hatte wieder diese komische Frisur?“
„Über jemanden nicht Anwesenden vor den Kindern zu lästern, ist tabu. Darunter leidet am Ende vor allem das Kind selbst“, sagt Wolfgang Krüger. Gelingt es, dass getrennte Eltern zusammen mit den Kindern feiern, sollten sie außerdem keine Schuldzuweisungen vor ihnen austragen. „Und wenn das Kind den neuen Partner der Mutter nicht akzeptieren möchte und ihn beim Essen ignoriert, rate ich dazu, dies ebenfalls erstmal zu ignorieren und im Nachgang das Gespräch mit dem Kind zu suchen“, erklärt Wolfgang Krüger.
Sätze wie: „Nun frag doch mal den Jörg auch was“ oder „Kannst du mal bitte netter zur Katrin sein“ sorgen nicht für mehr Harmonie – im Gegenteil. „Das Kind fühlt sich dann unter Druck gesetzt und zeigt dies mit noch mehr Ablehnung“, so Wolfgang Krüger.
Um als Patchwork-Familie ein entspanntes Weihnachtsfest zu erleben, braucht es also vor allem: Kommunikation, Verständnis und Akzeptanz.

Claudia Hillmer ist ausgebildete Familientherapeutin aus Hamburg. Ihr Schwerpunkt liegt u.a. auf der Beratung von Familien und Patchwork-Familien, der Traumaheilung sowie der Paarberatung.
Mehr Informationen unter: familienberatung-hamburg.de

Wolfgang Krüger arbeitet seit über 40 Jahren als tiefenpsychologischer Psychotherapeut. Als Buchautor hat er zahlreiche Ratgeber geschrieben, darunter „ÜBER-LEBEN in der Patchworkfamilie“ (BoD).
Mehr Informationen unter: dr-wolfgang-krueger.de
Artikelbild und Social Media: istock/LeoPatrizi






