Mutterkuchen essen: Was Eltern über den Plazenta-Verzehr wissen sollten
Hat das Essen der Plazenta eine heilende Wirkung? Kaum ein Thema rund um die Geburt wird so heiß diskutiert wie dieses.

- Mutterkuchen essen: Was steckt hinter dem Trend?
- Wie steht die Wissenschaft zum Hype um die Plazentophagie?
- Welche Weiterverarbeitungsmöglichkeiten gibt es für den Mutterkuchen?
- Und wie schmeckt Plazenta so?
- Welche alternativen Verwendungen gibt es für die Plazenta?
- Muss ich meine Plazenta wirklich mitnehmen?
Der Brauch, einen „Lebensbaum“ auf die Plazenta zu pflanzen, ist weit verbreitet. Und seit einigen Jahren ist auch das Essen der Plazenta in aller Munde – roh, getrocknet, als Smoothie oder gemahlen und als Kapsel weiterverarbeitet. Angeblich soll der Verzehr die Milchproduktion ankurbeln, gegen Wochenbettdepressionen helfen, zur Linderung der Geburtsschmerzen beitragen und dafür sorgen, dass Mütter schneller wieder fit werden. Doch was ist dran an der Plazentophagie?
Mutterkuchen essen: Was steckt hinter dem Trend?
Die Gründe für die Plazentophagie sind vielfältig. Im Vordergrund stehen natürlich die angeblichen positiven Auswirkungen, die aber allesamt nicht wissenschaftlich belegt sind. „Frauen verspüren nicht von sich aus das Verlangen, ihre Plazenta zu essen, nachdem sie gebären – im Gegensatz zu anderen Säugetieren, die einen unmittelbaren Drang dazu aufweisen. Menschen finden das erst einmal abstoßend, also ist es per se eine andere Ausgangslage“, erklärt Dr. Mark Kristal von der Universität Buffalo in einer Forschungsarbeit zum Thema Plazentophagie. Der Hype um das Essen des Mutterkuchens rührt seiner Ansicht nach von anderer Stelle: „Menschen legen heutzutage sehr großen Wert auf populärwissenschaftliche, anekdotenhafte Daten, die sich in ihrem Kern nicht wesentlich von urbanen Mythen unterscheiden. Und Menschen, egal wie gebildet oder ungebildet, tendieren dazu, etwas zu glauben, wenn sie es immer und immer wieder, etwa im Internet, lesen.“
Was ist die Plazenta?
Bei der Plazenta, auch Mutterkuchen genannt, handelt es sich um ein Stoffwechselorgan, das sich während der Schwangerschaft bildet. Im Mutterleib ist sie über die Nabelschnur mit dem Fötus verbunden und versorgt ihn mit Sauerstoff und Nahrung. Im Laufe der Schwangerschaft entwickelt sich die Plazenta aus embryonalen und mütterlichen Zellen und kann bis zur Geburt einen Durchmesser von 15 bis 20 Zentimetern und ein Gewicht von ca. 500 Gramm erreichen.
Die Plazenta übernimmt während der Schwangerschaft folgende Funktionen:
Versorgung des Fötus mit Sauerstoff, Wasser und Nährstoffen.
Produktion von Hormonen wie zum Beispiel Progesteron und Östrogen.
Filterung von Gift- und Schadstoffen und Entsorgung von Kohlendioxid u. a. aus dem kindlichen Stoffwechsel.
Nach der Geburt des Babys kommt es zu Nachwehen, bei denen sich die Plazenta von der Gebärmutterwand löst und ausgeschieden wird. Bei einem Kaiserschnitt wird der Mutterkuchen manuell von einem Chirurgen aus der Gebärmutter entfernt, bevor die Gebärmutterwand verschlossen wird. Es dürfen keine Reste des Mutterkuchens zurückbleiben, da dies zu gefährlichen Komplikationen führen kann. Was nach der Geburt mit der Plazenta passiert, entscheidet die Mutter selbst. In der Regel wird sie mit anderem medizinischen Abfall entsorgt, immer mehr Frauen entscheiden sich jedoch dafür, sie mit nach Hause zu nehmen.
Wie steht die Wissenschaft zum Hype um die Plazentophagie?
Für die positiven Vorteile der Plazentophagie gibt es weder Studien noch wissenschaftliche Belege. Denn Studien in diesem Bereich sind allein aus ethischen Gründen problematisch. Expert*innen und Mediziner*innen stehen dem Phänomen Plazenta essen daher skeptisch gegenüber. Schließlich filtert der Mutterkuchen während der Schwangerschaft gezielt zahlreiche Gift- und Schadstoffe. Diese können beim Verzehr schädliche Folgen haben. Außerdem besteht bei der Verarbeitung ein großes Risiko der Kontamination, die durch falsche Handhabung jederzeit passieren kann. Die Folgen können sich oft erst Jahre später bemerkbar machen oder bei einer Folgeschwangerschaft.
Der bisherige Forschungsstand ist lückenhaft. In den USA wurde eine Studie an der Universität von Las Vegas durchgeführt, bei der Probandinnen nach der Geburt drei Wochen lang Plazentakapseln zu sich nahmen. Anderen Frauen wurden im gleichen Zeitraum Placebos verabreicht. Das Studienergebnis: keine signifikanten Unterschiede im Wohlbefinden. Allerdings zeigten die Plazenta-Hormone bei den Probandinnen eine leichte Tendenz zur abnehmenden depressiven Stimmung. Unabhängig von dem Studienergebnis argumentiert auch Dr. Kristal: „Zusätzlich wirkt der Placeboeffekt sehr stark.“ Menschen mit Depressionen und Stimmungsschwankungen seien sehr empfänglich für jegliche Linderungsversprechen. Doch reicht der bloße Placeboeffekt als Argument für eine Befürwortung? „Das ist eine der großen ethischen Fragen aller Placebos. Ist die (Nicht-)Wirkung relevant, wenn es der Person guttut, ohne ihr oder dem Umfeld zu schaden?“, sagt Dr. Kristal.
Welche Weiterverarbeitungsmöglichkeiten gibt es für den Mutterkuchen?
Die gängigste Methode ist es die Plazenta in Kapseln verarbeiten zu lassen. Spezialisierte Apotheken, zertifizierte Plazenta-Verkapsler, spezielle Manufakturen oder auch Hebammen können aus dem Mutterkuchen Kapseln herstellen. Das Verfahren funktioniert wie folgt: Die Plazenta wird gereinigt, getrocknet (entweder roh oder gedämpft) und dann zu Pulver verarbeitet und in Kapseln abgefüllt. Die Plazenta zu Hause zu kochen und sie dann zum Beispiel unter eine Pastasauce zu mischen, gilt eher als Mythos und sollte so auch nicht verarbeitet werden.
Doch auch die Plazentaverarbeitung in Form von Kapseln ist umstritten. Gynäkologe Alex Farr von der Universitätsklinik für Frauenheilkunde der MedUni Wien hat zu dem Thema geforscht und seine Antwort auf die Frage, ob das Essen der Plazenta gesund ist, lautet: „Im Gegenteil, denn die vermuteten Nährstoffe wie Eisen, Selen und Zink befinden sich nicht in ausreichend hohen Konzentrationen im Mutterkuchen. Allerdings wurden hohe Konzentrationen von Schwermetallen in der Plazenta festgestellt, die sich dort im Laufe der Schwangerschaft ansammeln.“
Ein Fall aus den USA zeigt, dass der Verzehr auch ein echtes Gesundheitsrisiko birgt. Ein Baby hatte sich mit B-Streptokokken infiziert, weil seine Mutter nach der Geburt Plazenta-Pillen genommen hatte. Die US-Gesundheitsbehörde warnt deshalb ausdrücklich vor dem Plazenta-Verzehr. Neben den medizinischen Risiken gibt Alex Farr außerdem zu bedenken: „Nachdem die Plazenta genetisch zum Neugeborenen gehört, grenzt das Verspeisen der Plazenta an Kannibalismus.“
Und wie schmeckt Plazenta so?
In diversen Foren wird der Geschmack von Plazenta wie folgt beschrieben: eisenhaltig, leicht süßlich oder auch metallisch-blumig, ein bisschen wie Leber, nur geschmacksintensiver. Der eisenhaltige Geschmack soll übrigens auch durchkommen, wenn ihr den Mutterkuchen zu Kapseln verarbeiten lasst.
Welche alternativen Verwendungen gibt es für die Plazenta?
Der älteste und gängigste Brauch ist es noch immer, die Plazenta zu vergraben und einen Baum darauf zu pflanzen. Er steht als Symbol für Fruchtbarkeit und Wachstum. Wenn du also einen eigenen Garten hast, ist das ein schönes Ritual und du kannst gemeinsam mit deinem Kind beobachten, wie der Baum wächst.
Wer künstlerisch begabt ist, kann zum Beispiel vor dem Einpflanzen einen Abdruck auf Papier, Karton oder Stoff machen. Einfach die Plazenta mit Lebensmittelfarbe einfärben und einen Abdruck machen und ihn als Baumkrone für einen Lebensbaum verwenden.
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Du kannst deinen Mutterkuchen im Krankenhaus auch spenden. Er kann dann für medizinische Zwecke weiterverwendet werden oder an ein Labor für Studien zu Schwangerschaftskomplikationen gespendet werden.
Muss ich meine Plazenta wirklich mitnehmen?
Rechtlich gesehen ist die Plazenta Eigentum der Eltern, ihr alleine entscheidet also, was damit passiert. Die Handhabung nach der Geburt variiert in vielen Krankenhäusern. Entweder werdet ihr gezielt vom medizinischen Fachpersonal gefragt, ob ihr die Plazenta behalten und mit nach Hause nehmen möchtet, oder ihr sprecht es aktiv an. Wichtig ist nur, dass ihr euch vorher Gedanken macht und euch idealerweise einig seid.
Niemand zwingt euch, den Mutterkuchen mit nach Hause zu nehmen, und selbst wenn deine Hebamme dir die positiven Vorzüge aus ihrer Sicht berichtet, musst du dieser Empfehlung noch lange nicht folgen – vor allem nicht, wenn du nicht selbst davon überzeugt bist. Ihr alleine entscheidet.






