Tipps von einer Expertin

Ich habe mein Kind angeschrien: So reparierst du die Situation liebevoll

Du hast dein Kind angeschrien? Wir erklären, was du akut tun kannst und wie du eure Bindung wieder stärkst. 

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Erst vor zwei Tagen passierte es. Meine Tochter, vier Jahre alt, badete, ich sagte ihr, dass wir gleich ihre Haare waschen müssen. „Will ich nicht“, entgegnete sie. Bevor ich einlenken konnte, nahm sie einen Becher, mit dem sie in der Badewanne immer spielt, füllte ihn mit Wasser und schüttete ihn über den Rand. Der Boden war nass. Ich sagte ihr, dass ich das nicht okay finde, woraufhin sie schrie und mich mit Wasser bespritzte. Zwei Sekunden später schoss ich wie eine Rakete in die Luft. Mein Kind saß weinend in der Wanne, rieb sich die Augen – und ich fühlte mich wie die mieseste Mutter der Welt.

Du kennst das nur zu gut? Welche Sofort-Maßnahmen helfen, wenn du dein Kind angeschrien hast und was du langfristig machen kannst, erklären wir gemeinsam mit Familiencoachin Julia Mensing.

Warum du kein „schlechter Elternteil“ bist, nur weil du geschrien hast

Zunächst einmal: Du bist keine schlechte Mutter oder ein schlechter Vater, weil du dein Kind angeschrien hast. Das passiert vielen Eltern, vielleicht sogar den meisten. „Laut werden ist menschlich“, sagt Julia Mensing. „Wenn unser Nervensystem überlastet ist, wenn Stresshormone durch unseren Körper schießen und wir innerlich im Alarmzustand sind, kann es passieren, dass unsere Stimme lauter wird.“

Die Frage ist, wie wir anschließend damit umgehen. Versuchen wir zu reparieren, indem wir uns entschuldigen? Oder schweigen wir, vielleicht aus Scham und Schuldgefühlen? Wie du nach dem Schreien die Beziehung zu deinem Kind wieder kitten kannst, erklären wir dir jetzt:

Akutplan nach dem Anschreien: Kindgerecht entschuldigen & Co-regulieren

Familiencoachin Julia Mensing hat für wunderweib.de einen Drei-Schritte-Plan ausgearbeitet:

  1. Erster Schritt: Reguliere dich, indem du tief ein- und ausatmest, damit die Körperspannung geht. Du kannst auch kaltes Wasser über die Hände laufen lassen, sodass sich dein Nervensystem zusätzlich beruhigt. Erst dann gehst du mit deinem Kind in Kontakt.

  2. Verantwortung übernehmen: Je nach Alter deines Kindes, kannst du folgendes sagen, wenn du es angeschrien hast:

  • 0–3 Jahre: „Ich war gerade sehr laut. Das hat dich erschreckt. Es tut mir leid. Mama/Papa passt auf dich auf.“ Wenn dein Kind das zulässt, halte viel Körperkontakt und spreche mit ruhiger Stimme.

  • 4–6 Jahre: „Ich habe dich angeschrien. Das war nicht okay. Ich war überfordert, aber du bist nicht schuld. Es tut mir leid.“

  • 7–10 Jahre: „Vorhin habe ich meinen Stress an dir ausgelassen. Das war unfair. Ich arbeite daran, anders mit meiner Wut umzugehen.“

  • Teenager: „Ich habe die Kontrolle verloren und dich angeschrien. Das entspricht nicht meinen Werten. Es tut mir leid. Lass uns nochmal in Ruhe sprechen.“

    1. Wichtig: Keine Rechtfertigung. Kein „Es tut mir leid, aber…“. Kinder dürfen erleben, dass Erwachsene Verantwortung übernehmen. „Lange Erklärungen sind nicht notwendig. Kinder verstehen kurze und weniger Sätze besser und können diese dann eher verinnerlichen“, erklärt Julia Mensing.

Kind angeschrien? Was beim Schreien in deinem Körper passiert

Wenn du dein Kind anschreist, wird in deinem Körper eine Kettenreaktion ausgelöst, an der sowohl dein Gehirn als auch das Nervensystem beteiligt sind. Adrenalin wird ausgeschüttet, der Herzschlag beschleunigt sich. Diese Reaktion bereitet den Körper auf eine Handlung vor und ist Teil der natürlichen „Kampf-oder-Flucht“-Reaktion (Fight-or-Flight): Der Körper geht in einen evolutionären Schutzmechanismus. Der Psychologe und Physiologe Walter Cannon (1915) prägte den Begriff.

Wenn Erwachsene im Stress sind, sinkt die Aktivität im präfrontalen Cortex, dem Bereich, der für Impulskontrolle zuständig ist. „Dann reagieren wir schneller, härter – und lauter, weil unsere Empathie ausgeschaltet wird. Wir sind schlichtweg im Kampf Modus“, bestätigt auch Julia Mensing. Das ist auch der Grund, warum einige Autofahrer*innen wütend werden und schreien, wenn ihnen die im Straßenverkehr die Vorfahrt genommen wird.

Warum schreie ich mein Kind an?

Kaum jemand schreit, weil er seinem Kind schaden will. „Meistens schreien wir, wenn unser eigenes Stressfass längst übergelaufen ist und wir an unsere Grenzen kommen“, erklärt Julia Mensing.

Auslösende Faktoren, die dazu führen können, weshalb du dein Kind anschreist, sind:

  • Schlafmangel: Reizbarkeit und emotionale Instabilität sind erhöht.

  • Dauerbelastung: Care-Arbeit und Lohnarbeit sind über- und belastend.

  • Fehlende Unterstützung: Zu wenig Hilfe von Außen, um auch mal eine Pause von der Care-Arbeit zu haben.

  • Zeitdruck: Versetzt den Körper in akuten Stress und führt zur Ausschüttung von Hormonen wie Adrenalin und Cortisol.

  • Mentale Überlastung/ Mental Load: Rund 62 Prozent der Mütter fühlen sich laut einer forsa-Studie durch die Verantwortung für Alltagsaufgaben stark belastet.

  • Unerfüllte eigene Bedürfnisse: Ruhe, Hunger, Durst, eine volle Blase lösen im Körper Stress aus. Diese Stressoren versetzen den Körper in einen Alarmmodus, um das Überleben zu sichern.

  • Trigger aus der Kindheit/ Vergangenheit: Trigger aus der Kindheit sind Reize (Gerüche, Worte, Situationen), die unbewusste, negative Erinnerungen an frühere traumatische Erlebnisse aktivieren. Du fühlst plötzlich ganz intensiv Wut, Trauer oder eine andere Emotion.

Trigger: Was der Begriff aus der Psychologie bedeutet

Ein Trigger ist kurz gesagt ein Schlüsselreiz, der traumatische Erinnerungen oder Flashbacks auslöst. „Ich fühl mich getriggert“ bedeutet also, stark emotional auf etwas zu reagieren.

In der Psychologie rührt ein Trigger (Auslöser, auch Hinweisreiz genannt) aus einem Traumaerlebnis, in dem du dich in einen Gefühlszustand von früher (z. B. aus der Kindheit oder aus einer Beziehung) zurückversetzt fühlst. Die Folge sind Angst, Panik oder Wut. Die plötzliche Aktivierung einer Erinnerung kann dann zu einem akutem Leidensdruck führen, weil der Körper genau so wie in der traumatisierenden Situation reagiert.

Was passiert mit meinem Kind, wenn ich es angeschrien habe?

Wenn ein Kind angeschrien wird, passiert innerlich ziemlich viel. „Für ein Kind ist es Alarm. Mama oder Papa sind die sichere Basis, ein Schutzraum, der Hafen“, erklärt Julia Mensing. „Wenn genau diese Person plötzlich laut, bedrohlich oder wütend wirkt, gerät das kindliche Stresssystem in Aufruhr.“

Biologisch betrachtet springt das autonome Nervensystem an: Stresshormone wie Cortisol und Adrenalin werden ausgeschüttet, Herzschlag und Muskelspannung steigen. Das Kind ist im Überlebensmodus. Genau wie ein Erwachsener in diesem Modus auch, gehen sie entweder in Kampf, Flucht oder Erstarrung. „Gerade kleine Kinder können das noch gar nicht einordnen“, so die Familiencoachin. Sie denken nicht: „Mama hatte einen stressigen Tag.“ Sie fühlen: „Mit mir stimmt etwas nicht“ oder „Ich bin nicht sicher.“

Habe ich meinem Kind oder unserer Bindung geschadet?

Viele Eltern kennen das: Man ist gestresst und schon wird in kleinsten Situationen das Kind angeschrien. Das schlechte Gewissen kommt postwendend mit und man fragt sich: Habe ich meinem Kind jetzt geschadet? Traumatisiere ich mein Kind? 

Nein, ein einzelner Wutausbruch führt nicht automatisch zu Trauma“, sagt Julia Mensing „Trauma entsteht nicht durch ein einmaliges lautes Wort, sondern durch überwältigende Erfahrungen ohne Halt und ohne Reparatur.“

Wenn ein Elternteil hingegen die Kontrolle verliert und laut wird, danach aber Verantwortung übernimmt, indem er oder sie sich entschuldigt, wird die Beziehung repariert. „Das ist kein Gewaltkonzept, sondern ein Beziehungsbruch mit anschließender Reparatur“, so die Familiencoachin. Diese Reparatur ist entwicklungspsychologisch wichtig, denn Kinder lernen dadurch: Konflikte sind nicht das Ende von Beziehung. Fehler dürfen passieren. Wir können wieder zueinander finden.

Problematisch ist es, wenn das Schreien bewusst eingesetzt wird, um einzuschüchtern („Sonst passiert was!“), zu beschämen („Was bist du eigentlich für ein Kind?!“) oder Macht zu demonstrieren, dann sprechen wir ganz klar von psychischer Gewalt. „Denn hier wird die emotionale Abhängigkeit des Kindes genutzt, um Kontrolle auszuüben. Das verletzt die Würde des Kindes“, erklärt Julia Mensing.

Wie kann ich es vermeiden, mein Kind anzuschreien?

Der Anspruch, nie wieder sein Kind anzuschreien, ist unrealistisch. Wenn du reflektierst, warum du dein Kind anschreist bzw. in welchen Situationen das häufig passiert, kannst du gegensteuern und die Male in denen du schreist, reduzieren. Merkst du also, dass du gleich Schreien wirst, ist das schon mal ein erster Schritt. Und dann kannst du folgende Strategien laut Julia Mensing anwenden:

Kurzfristig:

  • Stopp-Wort für dich selbst finden: „Pause“, „Halt“, „Achtung“.

  • Drei tiefe Atemzüge: Ein- und ausatmen, um das Nervensystem zu beruhigen.

  • Raum verlassen, wenn dein Kind sicher ist: Du kannst sagen: „Ich merke gerade, dass ich wütend werde. Ich gehe kurz ins Badezimmer und komme gleich wieder.“

  • Lautstärke bewusst senken: Flüstern statt Schreien. Das reguliert auch dich und dein Kind hört anders zu.

Langfristig:

  • Den Alltag entschlacken: Nicht jedes Hobby muss sein. Mehr in der Natur sein beruhigt das Nervensystem.

  • Care-Aufgaben fair verteilen/ Hilfe suchen: Das ist ein großes Thema. Doch es ist zwingend notwendig mit dem Partner oder der Partnerin darüber zu reden, was dich stört, was anders laufen muss, damit du entlastet wirst.

  • Eigene Trigger reflektieren: Wenn dein Kind z. B. laut wird und du als Kind für Lautstärke beschämt wurdest, weil du nicht wütend sein durftest, kann das unbewusst etwas in dir aktivieren: du bist wütend, aber nicht auf dein Kind, sondern auf etwas anderes. Hinter Wut steckt oft ein unerfülltes Bedürfnis wie z. B. das Bedürfnis nach Ruhe, nach Aufmerksamkeit, nach Verbundenheit, nach Unterstützung, nach Respekt, nach Harmonie.

  • Wissen über kindliche Entwicklung aneignen: Denn viele Konflikte rühren aus einem normalen Reifungsprozess des Kindes, wie etwa einer schwierige Phasen mit vier Jahren, die Wackelzahnpubertät oder allgemeine Wutanfälle von Kleinkindern.

  • Realistische Erwartungen an dich und dein Kind entwickeln: Versuche Druck für euch beide rauszunehmen. Im Alltag, bei der Arbeit, in der Erziehung.

  • Selbstfürsorge: Diesen Begriff hast du wahrscheinlich schon dutzende Male gelesen. Doch Selbstfürsorge ist der Schlüssel zu einem ruhigen Nervensystem und somit auch ein Baustein, der dazu beiträgt, dass du dein Kind seltener anschreist. „Selbstfürsorge ist kein Wellness-Wochenende. Es sind Mini-Inseln im Alltag“, betont Julia Mensing. Tipps für Mini-Inseln im Alltag findest du hier:

Selbstfürsorge schont das Nervensystem – und du schreist weniger

Viele Mütter denken, sie müssten immer funktionieren. „Aber Kinder profitieren nicht von ausgebrannten Eltern“, sagt Julia Mensing. „Co-Regulation funktioniert nur, wenn wenigstens ein Nervensystem halbwegs stabil ist.“ Selbstfürsorge ist also kein Egoismus, sondern Beziehungsarbeit. „Wenn wir gut für uns sorgen, können wir ruhiger reagieren, klarer Grenzen setzen und liebevoller begleiten“, so die Familiencoachin. Und genau das brauchen Kinder am meisten: Erwachsene, die nicht perfekt sind, sondern präsent und bereit, immer wieder neu in Beziehung zu gehen.

So kannst du im Alltag für dich selbst sorgen:

  • 10 Minuten alleine mit einem Kaffee in der Hand nach draußen schauen. Ohne Handy, denn ansonsten hat dein Gehirn keine Pause. Alternativ kannst du dich mit geschlossenen Augen einfach mal für zwei Minuten auf den Boden legen.

  • Einen Spaziergang um den Block machen oder in der Natur, wenn möglich.

  • 10 Minuten am Tag lesen, Musik hören, malen.

  • Regelmäßiger Austausch mit anderen Erwachsenen.

  • Schlaf priorisieren, wenn möglich. Dazu zählt auch: Ab einer bestimmten Uhrzeit nicht mehr aufs Handy schauen.

  • Sich zwischendurch am Tag ehrlich fragen: „Was brauche ich gerade?“ 

Wann professionelle Hilfe sinnvoll ist

„Wenn Anschreien regelmäßig passiert und dein Kind sich oft ängstlich, beschämt oder klein fühlt, dann lohnt es sich, genauer hinzuschauen und Unterstützung zu holen“, rät Julia Mensing. Denn sonst kann sich bei deinem Kind ein Grundgefühl von Angst, Scham oder innerer Unsicherheit festsetzen.

Suche dir Hilfe, wenn du merkst:

  • Ich schreie fast täglich.

  • Ich fühle mich von Verhaltensweisen „getriggert“.

  • Ich habe das Gefühl, ich verliere die Kontrolle.

  • Mein Kind wirkt ängstlich oder zieht sich stark zurück.

  • Ich erkenne Muster aus meiner eigenen Kindheit wieder, die ich eigentlich durchbrechen wollte.

Sich Hilfe zu suchen, ist es kein Zeichen von Schwäche, sondern von Stärke. Diese Unterstützung kann dann durch Erziehungsberatung, Elterncoaching oder Therapie beansprucht werden. „Kinder brauchen keine perfekten Eltern“, sagt Julia Mensing. „Sie brauchen Eltern, die bereit sind, hinzuschauen.“

Julia Mensing lächelt in die Kamera. - Foto: Timm Fleissgarten

Unsere Expertin

Julia Mensing ist ausgebildete Familiencoachin auf selbstständiger Basis und arbeitet nebenbei im Familienzentrum Vennmühle in Nordrhein-Westfalen. Ihr Fokus ist die bindungs- und bedürfnisorientierte Erziehung mit Klarheit und Herz. "Bedürfnisorientiert heißt für mich nicht, dass immer alles harmonisch laufen muss – sondern dass wir versuchen, die echten Bedürfnisse hinter dem Verhalten zu verstehen. Von Kindern und genauso von uns Erwachsenen."

Mehr Informationen zu Julia und ihren Angeboten (auch Online-Beratungen sind möglich) findest du unter: https://www.juliamensing.de/

Artikelbild und Social Media: iStock/dikushin

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