Von Wutanfällen und Grenzüberschreitungen

Schwierige Phase mit 4 Jahren: Was tun? Tipps von einer Expertin

Treibt dich dein vierjähriges Kind zur Zeit regelmäßig in den Wahnsinn? Wir erklären, warum die Phase mit 4 Jahren so schwierig sein kann – und was hilft.

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Letztens im Einkaufszentrum: Meine Tochter (4) hatte es auf einen Ball abgesehen, den sie unbedingt haben wollte. Ich erklärte ihr, dass sie bereits an die sechs Bälle habe und wir jetzt nicht noch einen Ball kaufen. Daraufhin schrie sie: „Ich will den aber haben!“, legte sich auf den Boden und die ersten Tränen kullerten ihre Wange herunter. Wieder zu Hause erinnerte ich sie daran, Hände zu waschen, die sie kurz vorher in den Schnee-Erde-Matsch gegraben hatte. Daraufhin schaute sie mich verschmitzt an, rannte aufs Sofa und sagte hüpfender Weise: „Mach! Ich! Nicht!“. Als ich auch diese Situation geklärt hatte, spielten wir ein Brettspiel. Als sie die Runde verlor, fegte sie das Spiel vom Tisch, rannte wütend in ihr Zimmer und knallte die Tür zu. Nach ein paar Minuten wagte ich es, die Tür zu öffnen und bekam ein „Geh weg!“ entgegen geschrien.

Wenn sich solche Szenen an nur einem Nachmittag abspielen, komme ich an manchen Tagen an meine Grenzen. Ich bin mir bewusst, dass ihr Verhalten das einer typischen Vierjährigen entspricht. Und dennoch wünsche ich mir manchmal einen Düsenjet vor der Haustür, der mich weit, weit wegbringt.

Dir kommen solche oder ähnliche Situationen mit deinem Kind bekannt vor? Du weißt manchmal nicht mehr weiter? Julia Mensing, Familiencoachin und Expertin für gefühlsstarke Kinder, hat Tipps für die schwierige Phase mit vier Jahren und erklärt, was hinter dem herausfordernden Verhalten steckt.

Schwierige Phase mit vier Jahren: Kommt dir dieses Verhalten bekannt vor?

Wir haben einige Merkmale der Entwicklungsphase von Kindern im fünften Lebensjahr zusammengestellt. Vielleicht kommt dir das ein oder andere Verhalten bekannt vor:

  • „Ich will nicht“, „Ich mag nicht“, „Lass mich“, „Nein“: Dein Kind testet Grenzen, agiert selbstbestimmt nach seinen Bedürfnissen und akzeptiert oder scheinbar „überhört“ ein Nein. Eltern sprechen gerne von einer „Trotzphase“, Fachleute nennen es eine „Autonomiephase“.

  • Wenn du dein Kind etwas fragst, bekommst du keine Antwort/ es hört scheinbar nicht zu.

  • Dein Kind ist schneller wütend als sonst, wenn etwas nicht klappt (niedrige Frustrationstoleranz) oder sie einen Wunsch nicht erfüllt bekommt.

  • Die Wutanfälle sind zwar kürzer als noch mit zwei oder drei Jahren, dafür aber intensiver und manchmal lauter; manchmal sagt dein Kind „blöde Mama“ oder „doofer Papa“.

  • Dein Kind verfällt in die Baby-Phase zurück (es möchte z.B., dass du es im Arm wiegst, wie ein Baby).

  • Dein Kind kann sich plötzlich nicht mehr anziehen oder allein auf Toilette gehen und/oder: Es hat den Wunsch, Handlungen wie diese alleine auszuführen und reagiert bei angebotener Hilfe aufgebracht.

"Schau mal, was ich alles kann": Motorische und kognitive Entwicklungen mit vier Jahren

„Guck mal, Mama“, „Schau mal, Papa“ hörst du gefühlt 4.857 Mal am Tag? Kein Wunder, dein Kind macht gerade enorme Fortschritte in der motorischen und kognitiven Entwicklung, wie zum Beispiel:

  • Sprachentwicklung: Dein Kind kann komplette Sätze mit Bindewörtern bilden. Dein Kind kann sagen, was es möchte und was nicht. „Mir ist das zu laut“ oder „Ich möchte nicht mit Oma ins Theater“ sind Beispiele die zeigen, dass dein Kind schon in der Lage ist, Bedürfnisse auszudrücken. Austesten von Schimpfwörtern gehören ebenfalls dazu, genau wie unzählige „Warum“-Fragen.

  • Vorstellung vom eigenen Geschlecht: Dein Kind interessiert sich zunehmend für seinen Körper.

  • Verständnisabsicherung: Dein Kind sagt dir, dass es etwas nicht richtig verstanden hat oder macht dich darauf aufmerksam, wenn es selbst falsch verstanden wurde.

  • Logik & Zahlen: Dein Kind zeigt zunehmend Interesse für Buchstaben oder Zahlen und kann diese zum Teil auch erkennen. Es kann ein Dreieck von einem Rechteck unterscheiden und Mengen einschätzen.

  • Gedächtnis und Konzentration: Dein Kind kann Lied-Verse oder Sätze aus Büchern, die ihr oft lest, auswendig. Für 10 bis 12 Minuten kann es sich konzentrieren.

  • Rollenspiele: Dein Kind erschafft eigene Welten und Rollenspiele, kann diese aber von der Realität trennen.

  • Fein- und grobmotorische Fähigkeiten: Dein Kind malt immer eindeutiger, z.B. eine Sonne oder einen Menschen. Es kann mit einer Schere schneiden, auf einem Bein hüpfen und klettern.

Bedenke: Jedes Kind lernt und entwickelt sich unterschiedlich schnell. Wenn dein Kind noch nicht alle dieser Entwicklungsschritte aufweist, musst du dir also keine Sorgen machen. Vergleiche dein Kind nicht mit anderen.

Entwicklungsphase von Kindern zwischen 4 und 5 Jahren

Um besser mit Situationen, wie oben beschrieben umzugehen, hilft es zu verstehen, was im Kopf deines vierjährigen Kindes passiert und anzuerkennen, dass dein Kind gerade wieder viel Neues dazulernt. „Kinder zwischen vier und fünf Jahren befinden sich mitten in einer hochspannenden, aber auch herausfordernden Entwicklungsphase“, bestätigt Julia Mensing.

Stellen wir uns das Gehirn wie einen Computer vor: Anfangs ist die Festplatte noch ziemlich leer, doch mit der Zeit werden immer mehr neue Informationen drauf gespielt – ein Software-Update sozusagen. In diesen Phasen sind Kinder meistens besonders herausfordernd für Eltern. Ist das Update abgeschlossen, haben sie ein neues Feature und sind wieder umgänglicher.

„Das Denken von Kindern im fünften Lebensjahr wird komplexer: Sie können sich besser erinnern, planen und Zusammenhänge erkennen“, erklärt die Familiencoachin. „Gleichzeitig hinkt die emotionale Selbstregulation dieser neuen geistigen Fähigkeiten noch deutlich hinterher. Die Bereiche für Impulskontrolle, Frustrationstoleranz und Perspektivwechsel sind noch unreif.“ Das führt dazu, so Julia Mensing, dass Kinder Regeln kennen und trotzdem übertreten, diskutieren, sich widersetzen oder scheinbar grundlos ausrasten. Kinder haben noch keine ausgereifte „Theory of mind“: Sie können Gedankenprozesse noch nicht ganz nachvollziehen, was auf beiden Seiten für Frust sorgt.

Schwierige Phase mit 4 Jahren: Typische Situationen – und was hilft

Auf der einen Seiten kann dein Kind zuckersüß wie ein Eichhörnchen sein und dann entpuppt es sich als Ratte im niedlichen Kostüm? In Minuten kann eine scheinbar friedliche Situation zum Stress-Moment werden? Ja, der Alltag mit Kind scheint mitunter eine weitaus größere Herausforderung zu sein, als die Abarbeitung der To-Do-Liste bei der Arbeit. Wie du in typischen Situationen reagieren kannst und was hinter dem Verhalten deines Kindes steckt.

1. "Mein Kind hört nicht auf ein Nein und überschreitet Grenzen

Wenn dein Kind Dinge tut, von denen es weiß, dass sie nicht erlaubt sind, z. B. den Teppich bemalt oder auf dem Sofa springt, dann bedeutet das nicht, dass es die Regel vergessen hat. Julia Mensing hat viele Eltern in ihren Beratungen erlebt, die sich von dem Verhalten ihres Kindes provoziert fühlen. „Das Testen von Grenzen und die emphatische Unreife ist ein Ausdruck dieser spannenden Entwicklung – und kein absichtliches Verhalten des Kindes.“ Oft testet das Kind Nähe, Grenzen oder seine eigene Wirksamkeit. Autonomie und Grenzen wirken gegensätzlich, sind aber zwei Seiten derselben Medaille: „Kinder brauchen Freiheit, um Selbstvertrauen zu entwickeln. Sie brauchen aber auch klare Grenzen, um sich sicher zu fühlen.“ Grenzen sollten dort gesetzt werden, wo Sicherheit, Gesundheit oder respektvolles Miteinander betroffen sind. Innerhalb dieser Grenzen sollte das Kind möglichst viel selbst entscheiden. Und: Weniger, aber klare Grenzen, entlasten Kinder enorm.

Das kannst du tun, wenn dein Kind ein Nein ignoriert: In solchen Situationen hilft es, ruhig, klar und handelnd zu reagieren. „Ich sehe, du malst gerade den Teppich an. Der Teppich ist nicht zum Malen da. Ich stoppe das jetzt.“ Danach folgt eine Handlung, etwa die Stifte wegnehmen. Wichtig: Nicht mit Ärger, sondern mit Selbstverständlichkeit reagieren. Keine langen Vorträge halten oder schimpfen, stattdessen ist ein kurzes Benennen sinnvoll. „Kinder steigen beim zweiten Satz aus, weil ihre Aufmerksamkeit gar nicht so lange reicht“, so Mensing. Das äußert sich durch plötzliche Fragen wie: „Wie hoch kann eigentlich ein Flugzeug fliegen?“. Dann fühlen wir uns nicht gehört und werden noch wütender.

2. "Mein Kind macht nicht das, was ich mir wünsche"

Ob das Zimmer aufräumen, zum Schwimmkurs fahren oder den Schneeanzug selber anziehen: Wenn dein Kind nicht das tut, was du dir wünschst, kann das schon mal frustrierend sein und schnell zum Streit führen. Viele Eltern neigen dann dazu, zu drohen: „Wenn du dich nicht anziehst, gibt es kein Eis im Schwimmbad“ oder das Gegenteil – sie Locken mit Belohnungen: „Wenn du jetzt dein Zimmer aufräumst, darfst du einen Keks.“

Das ist verständlich und oftmals der einfacherer Weg, um ans Ziel zu kommen. „Belohnungen oder Drohungen wirken natürlich verlockend, wirken allerdings kurzfristig und lösen langfristig kein Problem.“ Sie verschieben den Fokus weg vom inneren Verstehen hin zu äußerer Kontrolle. „Kinder lernen dabei nicht, warum etwas wichtig ist, sondern nur, wie sie Strafen vermeiden oder Belohnungen bekommen“, erläutert Julia Mensing.

Das kannst du statt Drohungen oder Belohnungen machen: „Vor allem Übergänge führen oft zu Streit“, so Julia Mensing. „Spielt das Kind gerade vertieft, würde ich es nicht stören, sofern möglich. Sobald es aus seinem Spieltunnel kommt, kann man ankündigen, dass es in zehn Minuten los zum Schwimmkurs geht.“ Gegebenenfalls helfend eingreifen, z. B. mit Kompromissen:

  • „Du ziehst den linken Schuh an, ich den rechten“ oder

  • „Ich räume die Stapelsteine weg, du die Eisenbahn“, statt zu verhandeln oder zu drohen.

Julia Mensing rät dazu, die „'Wenn, dann…'-Sätze in natürliche Konsequenzen umzuwandeln: „Wenn wir jetzt nicht loskommen, haben wir nicht mehr so viel Zeit im Schwimmbad, weil es irgendwann schließt.“

Mehr zum Thema: Verbale Gewalt: 9 Sätze, die Eltern nicht zu ihren Kindern sagen sollten

3. "Mein Kind braucht plötzlich Hilfe beim Anziehen"

Auf der einen Seite möchte dein Kind die Zahnpasta selber auf die Zahnbürste drücken oder das Müsli in die Schüssel schütten? Und dann plötzlich kann es nicht mehr seine Schuhe selber anziehen oder den Po nach dem Toilettengang abwischen? „Dieser scheinbare Widerspruch ist typisch für Vierjährige“, bestätigt Julia Mensing. „Autonomie ist für sie unglaublich wichtig, gleichzeitig sind sie emotional noch sehr abhängig von Nähe, Sicherheit und Unterstützung.“ Besonders nach langen Kita-Tagen, bei Müdigkeit oder innerer Überforderung fällt Selbstständigkeit schwer.

So kannst du reagieren: Bedürfnisorientiert heißt hier, nicht auf Prinzipien zu bestehen, sondern das Kind dort abzuholen, wo es gerade steht“, so Julia Mensing. Das bedeutet: Unterstütze dein Kind bei der Autonomie und und versuche vor allem morgens und abends das Umziehen nicht zwanghaft durchzusetzen. „Die Müdigkeit ist unser Endgegner und da wollen die Kinder oftmals Bindung und Hilfe“, erläutert die Familiencoachin.

4. "Mein Kind schreit mich an und beschimpft mich"

Aussagen wie „doofe Mama“ oder „blöder Papa“ treffen Eltern oft mitten ins Herz. Entwicklungstechnisch sind sie Ausdruck von Überforderung, Frust oder Hilflosigkeit. „Kinder haben in diesem Alter noch keine ausgereifte Fähigkeit zur Perspektivübernahme“, erklärt Julia Mensing. „Sie meinen nicht die Person, sondern den Moment. Die Impulskontrolle ist mit vier Jahren noch längst nicht ausgereift. Gefühle kommen schnell und ungefiltert, Worte fehlen oft noch. Schreien oder Beschimpfungen sind dann ein Ventil, kein Angriff.“

So kannst du reagieren, wenn dein Kind dich anschreit oder beschimpft: Anders als das permanente "Freundschaften kündigen“ im Kindergarten, wissen Kinder: „Mama geht nicht weg, auch, wenn ich sie als Doofe beschimpfe.“ Das ist ein Ausdruck des Urvertrauens – auch wenn es manchmal weh tut. „Bei Wutanfällen braucht das Kind vor allem Co-Regulation, also einen ruhigen Erwachsenen, der Halt gibt, statt zu belehren“, sagt Julia Mensing.

Leise zu antworten und die Emotion zu benennen („Du bist gerade wütend, weil ich Nein gesagt habe“) helfen, allerdings sollten Eltern auch eine Grenze ziehen und sagen dürfen: „Ich lasse mich nicht beleidigen“ oder „Schrei mich bitte nicht an“ oder „Ich höre dir zu, wenn du leiser sprichst.“

5. "Ich habe mein Kind angeschrien und habe ein schlechtes Gewissen"

Manchmal schreist du dein Kind an und hast dann direkt ein schlechtes Gewissen und schämst dich. Das kenne ich auch sehr gut. Kein Mensch möchte gerne angeschrien werden. Und doch ist es menschlich. In ihren Beratungen ist das Thema Schreien und Wut ein großes Thema, sagt Julia Mensing. „In der Regel ging dem etwas voraus. Ein verpasster Termin, ein Trigger aus der Kindheit, ein unerfülltes Bedürfnis wie etwa Ruhe“, so Mensing. Das Nervensystem ist gestresst. „Es gibt aber auch Kinder, die merken, wenn die Eltern gestresst sind und kitzeln quasi bewusst die Explosion heraus, weil sie die Spannung nicht ertragen. Das ist gerade bei gefühlsstarken Kindern so.“

Das kannst du tun, wenn du dein Kind angeschrien hast: Bedürfnisorientierung gilt nicht nur fürs Kind, sondern auch für die Eltern. „Eltern dürfen überfordert sein. Niemand begleitet ein vierjähriges Kind immer ruhig und gelassen“, sagt Julia Mensing. „Wichtig ist nicht, perfekt zu bleiben, sondern Verantwortung zu übernehmen, indem man sich bei seinem Kind entschuldigt, wenn man laut geworden ist.“ Das ist eine Beziehungskompetenz, durch die Kinder lernen, dass Fehler erlaubt sind und repariert werden können. Julia Mensing rät: „Statt im schlechten Gewissen stecken zu bleiben, hilft es, die eigenen Grenzen ernst zu nehmen, Pausen einzuplanen und Unterstützung zu suchen.“

Kurz gefasst: So kannst du dein vierjähriges Kind unterstützen

  1. Sicherheit geben: Dein Kind kann etwas Neues: Ob Fahrradfahren oder den eigenen Namen schreiben – motorische Meilensteine lösen nicht selten eine Kettenreaktion im Gehirn aus. Alle Ressourcen werden gebraucht, um die neue Fähigkeit zu entwickeln. Daher kann es sein, dass dein Kind manchmal in einer Art „kognitivem Tunnel“ steckt und deshalb nicht antwortet, wenn du es etwas fragst. Auf die neuen Fähigkeiten ist dein Kind stolz, aber es macht ihm auch Angst. Du bist der sichere Hafen, deshalb kann es sein, dass dein Kind nach der Kita deine Nähe sucht und nicht allein in seinem Zimmer spielen möchte oder phasenweise wieder bei dir/euch mit im Bett schlafen möchte (sofern es schon allein in seinem Bett geschlafen hat).

  2. Möglichst eine Ja-Umgebung schaffen: „In Fachkreisen spricht man von einer „Ja-Umgebung“, was bedeutet, dass man z.B. dem Kind sagt, was es machen kann, anstatt zu sagen, was es nicht darf“, erklärt die Familiencoachin. Und: Regeln und Anweisungen positiv verpacken, das Kind in einer Umgebung spielen lassen, in der man als Eltern nicht häufig Ermahnen muss (z. B. „Geh nicht auf das Klettergerüst, das ist noch zu hoch für dich“).

  3. Grenzen setzen: Das Wort „Stop“ ist laut Julia Mensing viel klarer und für Kinder einfacher zu verarbeiten. Statt eines Neins, ist es oft zielführender, zu sagen, was du dir als Mutter oder Vater wünschst. Manchmal ist ein Nein unausweichlich: „Ein „Nein“ möglichst ruhig, klar und mit kurzer Begründung äußern“, rät Julia Mensing.

  4. Empathie zeigen: Kinder brauchen das Gefühl, mit ihren Gefühlen und Bedürfnissen gesehen zu werden, auch wenn ihr Verhalten begrenzt wird. „Gleichzeitig hilft es, Erwartungen realistisch zu halten“, so Julia Mensing. „Ein vierjähriges Kind kann vieles schon, aber nicht zuverlässig, nicht unter Stress und nicht immer freiwillig.“ Das bedeutet: Je ruhiger, verbindlicher und vorhersagbarer du als Erwachsener reagierst, desto sicherer fühlt sich dein Kind und desto leichter kann es lernen.

  5. Übergänge ankündigen: Kinder haben mit vier Jahren weder ein Zeitgefühl, noch sind sie entwicklungspsychologisch in der Lage ist, flexibel auf Veränderungen zu reagieren. Unterbreche dein Kind also nicht abrupt beim Spielen, Essen, etc., sondern kündige mit etwas Vorlauf an, wenn sich die Situation oder der Tagesplan ändern. Das gibt deinem Kind die Sicherheit, die es braucht und beugt Streit vor.

  6. Als Erwachsener die Entscheidung treffen: Eltern geben die Orientierung, das ist essenziell. „Viele Eltern haben heutzutage Angst davor diese zu geben und lassen ihrem Kind oft sehr viele Entscheidungen“, sagt Familiencoachin Julia Mensing. Das überfordert Kinder und diese Überforderung führt häufig zu emotionalen Ausbrüchen (Wutanfälle, Weinerlichkeit etc.).

  7. Kommunikation: Ein vierjähriges Kind stellt an nur einem Tag durchschnittlich bis zu 500 Fragen. Du kannst und musst nicht jede davon beantworten, manchmal passt die Situation auch gerade nicht. Dann kannst du z. B. sagen: „Schau mal, ich ziehe mich gerade an und muss Haare föhnen. Danach beantworte ich deine Frage.“

  8. Nicht persönlich nehmen: Wenn dein Kind patzig, unfreundlich oder motzig ist oder Sätze wie „Geh weg“ sagt, dann ist das meistens ein Zeichen für ein unerfülltes Bedürfnis, das dein Kind nicht zeigen kann. „Das Gemeckere ist dann kein Zeichen von Ablehnung, sondern ein Hilferuf. Dahinter steckt oft ein unerfülltes Bedürfnis“, sagt Julia Mensing. Vor allem, wenn Kinder krank sind oder sich gerade unsicher fühlen, sind ihre emotionalen Ressourcen stark eingeschränkt. „Sie haben dann weniger Kraft, sich anzupassen, Gefühle zu regulieren oder freundlich zu bleiben“, erläutert Julia Mensing. „Für Eltern ist das enorm herausfordernd, weil das eigene Bedürfnis nach Nähe und Wertschätzung verletzt wird.“ Mach dir in solchen Situationen bewusst: Dein Kind zeigt sein Innerstes – und nicht seinen Charakter. Du kannst es außerdem darin bestärken, dass es seine Bedürfnisse nennen darf (Hunger, Durst, Nähe, Ruhe, etc.).

  9. Selbstbewusstsein stärken: Ermutige dein Kind, wenn es vor etwas Angst hat, aber zwinge es nicht. Lobe es, wenn es sich etwas traut oder für etwas, dass Anstrengung gekostet hat. Und: Kinder gucken sich sehr viel von dem Verhalten ihrer Eltern ab. Das heißt: Lebe deinem Kind Selbstliebe vor.

Julia Mensing lacht in die Kamera. - Foto: Timm Fleissgarten
Unsere Expertin

Julia Mensing ist ausgebildete Familiencoachin auf selbstständiger Basis und arbeitet nebenbei im Familienzentrum Vennmühle in Nordrhein-Westfalen. Ihr Fokus ist die bindungs- und bedürfnisorientierte Erziehung mit Klarheit und Herz. "Bedürfnisorientiert heißt für mich nicht, dass immer alles harmonisch laufen muss – sondern dass wir versuchen, die echten Bedürfnisse hinter dem Verhalten zu verstehen. Von Kindern und genauso von uns Erwachsenen."

Mehr Informationen zu Julia und ihren Angeboten (auch Online-Beratungen sind möglich) findest du unter: https://www.juliamensing.de/

Artikelbild und Social Media: iStock/ StockPlanets